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Bubu goes Social Media – Eine Buchbinderei auf dem Weg in die Zukunft

Mönchaltorf in der Nähe von Zürich an einem Morgen im Januar im Jahr 2015.

Ich – eine junge Frau aus Berlin – hatte einen Monat die Aufgabe der fast 75-jährigen Buchbinderei Burkhardt (kurz: Bubu) die sozialen Medien zu erklären.

Aber wie überzeugt man ein Unternehmen mit einem so reichen Erfahrungsschatz, mit Tradition und bewundernswerter Familienhistorie davon, dass was da im Internet vor sich geht, wichtig für ihr Unternehmen ist?

Das war keine leichte Aufgabe!

Bei Bubu nimmt nämlich noch alles seinen ‚alten‘ Lauf. Die Maschinen rattern, die Drucker drucken und es werden palettenweise Bücher produziert. Ein wahrlich faszinierender Anblick.

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Eine Lastwagenladung voll mit Büchern in den 80ern. (c) Bubu

Die Folge der revolutionären Erfindung und der Ausbreitung des Buchdrucks steht jedoch unter Bedrohung der neuen Medien. Heutzutage sinken die Druckauflagen, wo Werke der Literatur, Kunst, Musik, Unterhaltung oder Wissenschaft vielfach nur noch über elektronische Kanäle vervielfältigt und verbreitet werden.

Wo bleibt in Zukunft das Buch? Wohin mit den Druck- und Bindemaschinen?

Im Rahmen meiner Untersuchungen und meiner Mission „Das Buch im digitalen Zeitalter“ – oder auch „Bubu goes Social Media“ – verabredete ich mich mit Hans Burkhardt. Er war Geschäftsführer in 2. Generation und belegt als nunmehr 71-Jähriger immer noch einen Platz im Unternehmen. Wir trafen uns in seinem Büro mit Blick auf das angrenzende Wäldchen. Drinnen – auf den Tischen und Regalen – leben die Bücher. Auch nach Übernahme der Geschäftsleitung durch Thomas Freitag (2005) und acht Jahre später durch seinen Sohn Christian Burkhardt (2013), ist er bis heute der Patron und die Seele des Unternehmens, welches heute im Durchschnitt etwa 120 Menschen damit beschäftigt Bücher zu binden. Sein Vater Albert Burkhardt hatte die Buchbinderei im Jahre 1941 im Alter von 29 Jahren alleine gegründet und schon nach einigen Monaten beschäftigte er über 20 Angestellte. Dazu würde man heute sagen: Ein höchst erfolgreiches Startup in der Medienbranche!

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Albert Burkhardt mit seinen Mitarbeiten, 1942 (c) Bubu

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Die Geschäftsleitung heute – von links: Christian Burkhardt, Thomas Freitag, Hans Burkhardt (c) Bubu

Hans Burkhardt strahlt die positive Ruhe und Gelassenheit eines zufriedenen Lebens aus. Er schätzt sein Glück und ist dankbar in der Schweiz geboren worden zu sein und einen Beruf ausgeübt zu haben, den er bis heute liebt. Er ist erfreut über seine gute Gesundheit, seine Familie, seine vielen Freundschaften und Unternehmungen. Die Anzahl an ehrenamtlichen Projekten und Aufgaben, an denen Herr Burkhardt bis heute aktiv mitwirkt, ist kaum zu überblicken.

Ich habe ihm an diesem besagten Morgen daher mit Freude einige Fragen stellen dürfen und mit Begeisterung seinen Geschichten gelauscht. Wir sprachen über Bücher, das Internet, über das Lesen, das Leben, die Arbeit, Reisen und die Zukunft.

Viel Freude beim Lesen des Gespächs mit Hans Burkhardt!

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Erlernter Beruf?

4-jährige Ausbildung als Buchbinder in Neuchâtel / CH. Anschließend 4 Wander- und Gesellenjahre in Paris, London und Rom. Zusätzlich eine 4-jährige Ausbildung als Betriebsökonom.

Ausgeübter Beruf?

Buchbinder und Geschäftsführer der Buchbinderei Burkhardt von 1969 bis 2005.

Lesen oder Anschauen?

Anschauen. (Bilder!)

Hochformat oder Querformat?

Lesen: Hochformat
Anschauen: Querformat

Wo lesen sie am Liebsten?

An einem Tisch sitzend.
Sicher nicht liegend, nicht am Strand und nicht im Bett.

Wie lesen Sie am Besten?

Ehrlich: Ich lese kein ganzes Buch pro Jahr.

Ich lese etwa 2 Stunden am Tag – meistens Zeitungen und Magazine.

Zum Lesen benötigt man Konzentration. Die finde ich beispielsweise während einer Zugfahrt, weil ich dann eine vorgesehene Zeit nur für mich habe. Wenn ich lese, bin ich lieber alleine oder in Ruhe.

Wissen Sie, wieviele Bücher Sie besitzen?

Das weiß ich natürlich nicht.

Sehr viele. Sehr, sehr viele.

Hier ist eine Schätzung angebracht.

Zunächst trenne ich meine Sammlung beruflich und privat.

Jedes einzelne im Betrieb hergestellte Buch geht über meinen Tisch und wird auf Mängel oder seine Besonderheit überprüft. Ich lese diese Bücher nicht, ich verschaffe mir lediglich einen Eindruck, worum es inhaltlich in etwa geht. Manche Bücher betrachte ich nur 2 Sekunden – andere vielleicht 30. Die besonders Besonderen (wöchentlich werden etwa 20 Titel produziert) kommen in die Sammlung: ins sogenannte Bindorama. Dort – im Empfangsbereich platziert – befinden sich zurzeit etwa 2000 Bücher. Nicht nur welche, die wir hier hergestellt haben, sondern auch viele buchbinderisch interessante Exemplare, die ich kontinuierlich auf meinen Reisen entdecke und mitbringe. Der Inhalt ist mir da fast egal. Mich fasziniert das Buch als Objekt – ich habe Freude am Außergewöhnlichen. Ich liebe es, wenn ein Buch das scheinbar Unmögliche möglich macht. Ein Buch ist für mich nicht nur ein industrielles Produkt – es ist ein Kulturgut.

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Dieser Tisch befindet sich vor dem Büro von Herrn Burkhardt. Hier werden alle produzierten Bücher abgelegt und anschließend von ihm gesichtet.

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Können Sie drei Lieblingsbücher nennen?

Ich habe über die Jahre unzählig viele Bücher angesehen. Ich kann diese Frage kaum beantworten. Ich habe eine ehrliche und verinnerlichte Faszination für Bücher. Jedes zweite Buch des Bindorama ist mein Lieblingsbuch. Ich habe Freude am Schönen und Freude am Speziellen. Und ich denke das ist ansteckend.

Auch muss ich bei meinen Lieblingsbüchern eine Unterscheidung machen zwischen dem Inhalt und der Bindung. Als junger Mann habe ich die Erzählung „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse etwa drei Male gelesen, weil sie mich so fasziniert hat. Ansonsten liebe ich komische und schräge Bücher. Und Bücher von Künstlern.

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Nur ein kleiner Teil des ‚Bindorama‘.

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Wenn Sie nur ein Buch besitzen dürften, welches wäre das?

The Book of Kells.Ein Faksimile.
Wir haben hier 10 Jahre damit verbracht, 1500 Stück davon per Hand zu fertigen.

Reisen sie mit Büchern? Wenn ja, mit wie vielen?

Ja, mit circa 5 Büchern.
Außerdem habe ich auf Reisen auch immer ein Tagebuch dabei.

Besitzen Sie ein Ipad oder Kindle?

Ja ich besitze ein iPad. Ich lese darin Zeitung, allerdings nur in den Ferien oder von unterwegs. Und ich nutze es zum mailen. Ich bin immer und am Besten per Mail zu erreichen und antworte in der Regel innert weniger Stunden. Ich empfinde es als ein sehr präzises und klares Kommunikationsmittel.

Welche Hobbies pflegen Sie?

Hier muss ich gestehen, dass die Arbeit mein Hobby ist. Wobei ich das Wort „Arbeit“ auch in Anführungszeichen stellen muss. Denn was heißt schon „arbeiten“? „Arbeit“ kann alles sein: Gartenarbeit, Wäsche waschen, Alltag bewältigen und so weiter.

Ich habe gerne Projekte: da gibt es einen Anfang, einen Verlauf, einen Abschluss und ich kann mich im Anschluss etwas neuem zuwenden.

Vor etwa 10 Jahren – bei Geschäftsübernahme der Buchbinderei durch Thomas Freitag – musste ich lernen meinem Leben einen neuen Inhalt zu geben: meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes als das Geschäft zu verschieben. Das war nicht leicht. 38 Jahre lang habe ich nur zwei Male im Jahr Urlaub gemacht: eine Woche im Winter, zwei Wochen im Sommer. Neben Frau und Familie war das Geschäft mein Leben. Ich habe also damit begonnen viel mehr zu reisen, um mich vom Betrieb ablenken und lösen zu können. Seither nehme ich regelmäßig an „Long Distance Oldtimer Rallyes“ teil. Diese Aktivität konnte mich auch außerhalb meines Geschäftes faszinieren. Ich leite mittlerweile den Verein CCE (Classic Car Event) und wir fahren regelmäßig für 2 Monate mit alten Autos verschiedene Strecken auf der ganzen Welt. Im Jahr 2007 fuhr ich beispielsweise mit einem Volvo 122 S Baujahr 1965 von Peking nach Paris. Zuletzt waren wir in Kambodscha. Bei den Rallyes geht es nie um die Geschwindigkeit, sondern immer um das Erlebte auf dem Weg. Es gibt auch kürzere Rallyes von drei bis vier Tagen, wo man diverse Prüfungen erfüllen muss.

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Hans Burkhardt zeigt Foto- & Tagebücher seiner Rallyes.

Ich mache und gestalte einfach gerne verschiedene Sachen. Ich habe zu viele Ideen – ich umgebe mich gerne mit Menschen. Ich gehe Segeln, Ski fahren, Wandern, Fotografieren und all diese Dinge. Vielleicht muss ich lernen nichts zu tun und mich an meinem Tisch festzuhalten, aber ich befürchte das geht nicht. Nicht zuletzt genieße ich nämlich auch die Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden.

Was lieben sie an der Schweiz? Haben sie einen Lieblingsort?

Neben der Berge: Unser Zuhause. Wir haben viel Licht im Haus und ich habe dort gemütliche Ecken, wo ich mich wirklich sehr wohl fühle.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

Ich denke, dass jede Generation ihre Probleme selber lösen muss. Ein Aspekt, dem ich mit Besorgnis entgegensehe, ist der Umweltfaktor. Wir Menschen müssen ein größeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Ressourcennutzung entwickeln. Wir müssen lernen mehr Sorge für das Klima, für die Umwelt, die Nahrung und die Luft zu tragen. Die Welt sollte nicht übernutzt werden. Ich habe an diesem Punkt Angst um die Folge-Generationen und dass die Zerstörung der Welt ab einem gewissen Punkt irreversibel sein wird.

Tatsache ist ja, dass sich die Menschen auf der Welt ständig die Köpfe einschlagen. Man könnte meinen, wir hätten aus der Vergangenheit etwas gelernt, aber dem ist nicht so. Die wichtigste Aufgabe für jede Generation sollte es sein für Frieden und ausreichend Nahrung zu sorgen. Am Ende bleibt der Mensch doch immer nur ein Mensch. Aber ich glaube daran, dass wenn der Leidensdruck groß genug ist, stets Mittel entwickelt werden, die die falschen Dinge zum Besseren korrigieren.

Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der sehr stark in der Gegenwart lebt, pragmatisch und mit viel Kraft für das Positive. Ich verstehe nicht viel von den neuen Technologien und kann mir auch nicht mehr wirklich vorstellen, wohin sie die Menschheit führen werden. Ich bin aber offen für das, was kommen mag.

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Hans Burkhardt illustriert die Geschichte von Bubu.

Können Sie einen Hochpunkt und einen Tiefpunkt ihres Unternehmens nennen?

Gut, dass sie fragen. Es gab tatsächlich eine Phase in meinem Leben bzw. bei Bubu, in der ich nicht mehr an die Zukunft glauben wollte. Das war im Jahr 1994 / 95. Es gab hier zu jener Zeit immer weniger zu tun und das hat mich grausam unter Druck gesetzt. Ich habe irgendwann nicht mehr an das Produkt Buch glauben wollen und dachte, dass es sinn- und nutzlos geworden wäre, Bücher herzustellen. Ich erinnere mich noch ganz genau an den einen Tag in der Kantine, als ich meinen Mitarbeitern mitteilen musste, dass wir Kurzarbeit einführen. Das war ein schrecklicher Moment in meinem Leben. Ich habe mich für jeden Einzelnen im Betrieb persönlich verantwortlich gefühlt. (Zu der Zeit etwa 100 Mitarbeitende.)

Ein Hochpunkt kam dann 10 Jahre später 2004, als wir in unserem Betrieb das Fotobuch eingeführt und die Bookfactory gegründet haben. Ab dem Moment habe ich es wieder gespürt: Die Hoffnung und den Glauben daran, dass es einen Weg für uns gibt.

Momentan empfinde ich es als großes Glück, dass ich immer noch jeden Morgen hierher kommen kann, dass ich alles mitverfolgen darf und dabei bin, wenn etwas Neues passiert. Das würde ich gerne bis zu meinem 80sten Lebensjahr so durchziehen. Ich liebe es einfach zu sehr mitten im Geschehen zu sein und genieße den Druck der Beschäftigung. Ich kann es nicht leiden, wenn die Maschinen still stehen.

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Welches Projekt beschäftigt Sie zurzeit am stärksten?

Ich stecke in den Planungen für unsere nächste Rallye zum Nordkap nächstes Jahr (2016). Außerdem gibt es zurzeit viele Vorbereitungen für das „Centro del bel Libro“ in Ascona , welches Ende Mai sein 50. Jubiläum feiern wird und wo ich sehr aktiv mithelfe. Und gemeinsam mit meiner Tochter Mireille, die in London lebt und Designerin ist, entwickeln wir in Zusammenarbeit mit dem Central Saint Martins College innovative Bücher, ähnlich wie schon im letzten Jahr mit der Kingston Universität. (Dabei entstand das „Pocket Book“ – Jahresbuch 2015). Viele Projekte! Da habe ich immer genügend Anlässe Fotobücher daraus zu machen. (lacht)

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Das Pocketbook (Jahresbuch 2015) – passt in die Hosentasche!

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch Herr Burkhardt!
An dieser Stelle bedanke ich mich auch nochmal für die guten Tage im Betrieb und sende auf diesem Wege viele digitale Grüße nach Mönchaltorf!! :)

Anmerkung:

Bubu hat seit April diesen Jahres einen neuen Web-Auftritt (vorher war quasi nur die Anschrift aufzufinden ;) – umgesetzt durch Bob Design aus London und MOTM aus Wien. Ich selbst gebe übergreifende Kreativ- und Social Media Inputs. Da gibt es dann noch einiges zu tun. Aber die Web-Grundlage ist geschafft. Juchu!

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Weitere Einblicke in die Fertigung und in das Produktportfolio von Bubu gibt es im stetig wachsenden digitalen Bindorama und im Bubu-Blog!

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Für alle Designer und Buch-affinen Lesern unter Euch: Bubu hat die Bookfactory Seite ganz neu gelauncht und da gibt es den ‚PDF-to-Book‘-Konfigurator, mit dem man aus der reichen Materialvielfalt und den vielseitigen buchbinderischen Möglichkeiten Bubus schöpfen kann!

Let there be books! :)

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