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Gedanken zur Mode und meiner Garderobe

Günstige Umstände haben mich gestern unverhofft auf die Hive-Konferenz verschlagen. Dort traf ich auf ein paar bekannte Gesichter und begegnete auch Neuen. Schön wars.

Ich möchte mich nicht umfassend zum Anlass äußern. Im Großen und Ganzen war es einfach nett und weiblich dominiert. Lieblich sogar…bluminrosig… – Ihr wisst, wie ich es meine.

Am Besten gefallen hat mir daher der Beitrag von Jana Ahrens (Plique) und ist mir Anlass genug, um hier ein paar Gedanken zu den von ihr angesprochenen Themen zu äußern.

Jana studierte Modedesign an der UdK und hat einige Jahre in der Modeindustrie hinter sich. Vor circa 2 Jahren kündigte sie schließlich ihre Festanstallung und bewegt sich seitdem auf freiem Terrain. Ihr Blog ist dabei ein Sprachrohr für begleitende Kommentare zu modernem Stil. (Schöner Titel, wie ich finde.)

Mit ihrem Vortrag hat Jana allen Zuhörerinnen einen erhellenden Einblick in ihren Werdegang geben können und ist nun bestrebt darin, sich der Mode intellektuell und in dem Sinne zu widmen, dass eine Aufklärung über die Perversion der Modeindustrie stattfinden muss. Dass die Produktion und der Konsum von Bekleidung gezügelt und nachhaltiger gestaltet werden muss. Auch wenn Jana mit ihrem Vorhaben / ihrer Vision ganz sicher keine Missionarin ist: sie hat sich gestern mit ihrer Geschichte und ihren Gedanken zumindest vor die richtige Menschengruppe gestellt: vor Bloggerinnen, die den Konsum antreiben und befeuern.

Da war die Rede von Li Edelkoort und ihrer kürzlichen Verkündung, dass die Mode – wie wir sie kennen – vorbei sei. (Auf der Design Indaba – oh Zufall.) Fashion is dead. Jana sprach von Vanessa Friedmann und von Großmüttern, die jahrelang auf einen Mantel gespart haben, um diesen bis an ihr Lebensende zu tragen. Von Zeiten, in denen Frauen ihre Kleidungsstücke pflegten, flickten und in Würde über Jahre mit sich zu tragen wussten.

Und im Anschluss ertönten die Stimmen aus dem Publikum. Ein interessantes Frage- und Anwortspiel. Zu den Zuständen der Massenproduktion, zu menschenunwürdigen Produktionsbedingungen, zur Relevanz von neuen Kollektionen im 2-Wochen-Takt: auf Sinnfragen dieser Art Antworten zu finden ist gar nicht so leicht. Immerhin kam die Erkenntnis: Nachhaltiger Konsum ist nur dann nachhaltig, wenn ein Kleidungsstück auch getragen wird. Und zwar so lange, bis es geradezu auseinanderfällt. Alle Shoppingmalls dieser Welt und auch die vielen jungen neuen kleinen Labels begünstigen aber das genaue Gegenteil. Produziert wird am laufenden Band. Da hilft auch die H&M Ökolinie nichts.

Dann war von Gewohnheiten die Rede. Zweifel daran, ob man überhaupt sein unterbewusstes Handeln verändern könne. Bedenken vor dem Moment, in dem man ‚kurzfristig etwas Neues‘ brauche. (Während der Kleiderschrank schon überquillt… – Was ist das bloß für ein Moment, so frage ich mich?) – ‚Shoppen‘ hat sich bei viel zu vielen Menschen unserer Gesellschaft zu sehr verinnerlicht. Es ist zu einer ’natürlichen‘ Notwendigkeit mutiert.

Für mich persönlich sind intensive Konfrontationen mit den derzeitigen Zuständen auf dieser Welt immer wieder traurig und ich versuche mich auf meine eigene Weise davor zu beschützen, um nicht stumpf und auch nicht zynisch zu werden. Die durchdringende Konsumfreude und die Existenz und Ausbreitung jener Kleidungsgeschäfte, welche nach Chemie stinken und gefüllt sind mit Kleidungsstücken, die sich von Laden zu Laden wiederholen, viel zu oft fürchterlich geschnitten und auch noch schlecht genäht sind. Oder wahlweise erschreckend gut, gemessen am Schleuderpreis. Einfach zum Heulen.

Seit meine Schwester beschlossen hat eine Maßschneiderin zu werden (und beizeiten auch eine geworden ist), haben sich diese üblen Gedanken zur ‚Mode‘ noch verschärft. Es ist ein komplett absurdes Spiel. Während doch allerorts das gute alte Handwerk und DIY zelebriert und hochgehalten wird (Hallo Konsum), ist die Realität mal wieder nur ernüchternd. Dazu gehören lächerliche Ausbildungsgehälter für Schneiderlehrlinge. Oder scheinbar null komma null Chancen für anständige lokale Produktion. Qualität ist ein unbezahlbarer Luxus. Junge, kleine Labels befinden sich oftmals auf dem Pfad der Selbstausbeutung oder in einschränkender Abhängigkeit. Und so weiter.

Wenn ich an mein persönliches Modekonsumverhalten denke, dann gehöre ich vielleicht zu dieser Zielgruppe, welche sich tot stellt – oder es zumindest versucht. Ja – ich kaufe ein. Ich habe eine Vorliebe für schöne Kleidung. Aber ich kenne meine Gelüste und kann diese – zumindest auf den Märkten – kontrollieren. Ich betreibe kein Onlineshopping, wenn es um Kleidung geht. Ich kann es nicht leiden, wenn ich ein Kleidungsstück nicht vorher anfassen kann, um die Qualität des Schnittes und des Textils zu überprüfen. Ich möchte es anprobieren. Und ich finde es logistisch ziemlich unlogisch und extrem verschwenderisch mir Dinge liefern zu lassen, um sie bei Nichtgefallen wieder zurück zu schicken.

Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Wohlstand bisher noch nie ausgereicht hat, um dem Konsum zu frönen. Vielleicht bin ich bisher immer mit anderen Dingen beschäftigt gewesen (mit meinem Leben…). Aber ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein neues Kleidungsstück ‚von der Stange‘ erworden habe. Dunkel entsinne ich mich des Erwerbs einer hübschen Strass-besetzten Jacke bei Monki. Das war im Herbst 2013.

Abgesehen von Socken, Strümpfen und Unterwäsche (die ich gerne unbenutzt in Verwendung nehme), kaufe ich ’neue‘ Kleidungsstücke seit einigen Jahren fast nur noch bei Resales, bei Humana oder im Brockenhaus (wenn ich in Zürich bin). Ich liebe meine Garderobe sehr, weil fast jedes Teil einmalig ist. Mein Kleiderschrank macht mir gute Laune. Und das war schon immer so. Seit meiner frühen Jugend kaufe ich die meisten Teile in Gebrauchtwarenläden. Und Gebrauchtwarenläden sind nicht überall so fancy, wie in Berlin oder den Metropolen dieser Welt. In der Provinz sind sie oft an unattraktiven Standorten gelegen: in großen Hallen, die nach Schweiß, Feuchtigkeit und Tabak muffen. Die Gesichter der Kunden sind dort von Sorgen gezeichnet – der Kleidungserwerb eine üble Notwendigkeit. Märkte für Arme. Ich: auf Schatzsuche. Modebewusste Trendsetter: auch.

Das Absurde an meinem eigenen Konsum- und Kleidungsstil ist nämlich: fast jedes Mal, wenn ich einem ’neuen‘ Menschen begegne, denkt dieser von mir, dass ich etwas mit Mode zu tun habe. Und jedes Mal bin ich genervt von dieser Einbildung und habe das Gefühl mein Aussehen verteidigen und beweisen zu müssen, dass ich mehr als bunte Farben und Popkultur im Kopf habe. – Ich will eigentlich nicht mit der Modeindustrie in Verbindung gebracht werden, aber dennoch schöne Kleidung tragen. (Hallo auch, Tavi.)

Um diesen Blogpost zu einem Ende zu bringen: Ich verachte die Modeindustrie, aber ich liebe Kleidung. Ich betrachte sie als einen schönen Teil meines Lebens und verspüre mehr denn je den Drang, diese Leidenschaft auch mitzuteilen. Ich will dem ersten Eindruck eine Plattform geben. Mit Sinn und Verstand. Ähnlich wie Jana, aber doch anders. Vieles ist unklar, aber fest steht: ich bin nicht alleine  :)

Doc Martens Türkis und Metallic

Lieblingsschuhe seit 1997

Schatten

Schuhe: Brocki 3 CHF – Overall: Mauerparkflohmarkt 8 Euro

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Die Bluse besitze und trage ich seit 5 Jahren – Die Jacke besitze und trage ich seit 2 Jahren. Beides günstig erstöbert.

 

5 Kommentare

  1. Rike sagt

    Liebe Anna, ich verfolge dich schon länger ;-) Ich muss auch sagen, super Text. Und nein, du bist wirklich nicht allein mit deinen Gedanken und Einstellungen! Ich glaube mittlerweile kann eigentlich niemand mehr behaupten nicht über die Produktionsbedingungen der Modeindustrie informiert zu sein. Ich kaufe auch seit Jahren schon fast ausschließlich Second Hand Kleidung. Nicht nur, gerade in den letzten paar Jahren, aus nachhaltigen Gründen, sondern auch weil ich die Schatzsuche liebe. Es macht so viel mehr Freude ein individuelles Kleidungsstück mit Geschichte zu finden, als das 75. Teil von der Stange bei H&M und Co., mit dem neben einem selbst auch noch 10 andere Menschen an der Kasse stehen, um die 15 Euro zu bezahlen. Ich glaube richtig wichtig ist diese ganze Thematik und die Aufklärung darüber vor allem bei den Jüngeren, den Teenies, die diesen Massen-Shopping-Lifestyle (natürlich beeinflusst durch gruselige Zeitschriften und Rolemodels/Promis u.s.w) gefühlt noch viel extremer leben und das ja auch irgenwie mit in die Zukunft nehmen..

  2. Der Beitrag ist klasse geworden!
    Es ist viele Jahre her, da habe ich als Anziehhilfe bei einer Chanel Show gearbeitet. Was ich dort gesehen habe, war in verchiedener Hinsicht der totale Irrsinn. Später, nach zwei Semestern Mode Design wusste ich, dafür bist Du nicht egozentrisch genug. Und im Nachhinhein betrachtet fing der ganze Wahnsinn dieser Branche dann erst an…

  3. Hey Anna, super Text! Ne du bist wirklich nicht alleine :). Meine Schwester arbeitet als Schneiderin. Das freut mich sehr. Und ich kriege oft mit, welche Haltungen, Ansichten und Vorstellungen gegenüber ihrem Handwerk bestehen. Regional und Global (Mode-Industrie). Interessant ist auch welche Honorar- und Wertvorstellungen bezüglich dem Schneiderhandwerk und der Modeproduktion vorherrschen. So wurde das Thema Teil meiner Abschlussarbeit. Vielleicht kennst du das Buch „absolute Fashion“ von Sonja Eisman (Hgin), falls nicht, kann ich es dir zum Thema empfehlen. Ich hab darin viel Hintergrundwissen für meine Abschlussarbeit gewonnen.

    Gute Nacht,
    Mikki

    • Liebe Mikki, viel zu spät eine Antwort auf Dein schönes Kommentar! Danke für die guten Worte den Buchtipp und danke für das Kompliment! Ja wir müssen zusammenhalten, bzw. zusammennähen :) – Gute Nacht im verschobenen Sinne!

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